US-Studie zeigt: Fracking kontaminierte mehrfach Trink- und Grundwasser – Studie in NRW wird bald ausgeschrieben

Die New York Times berichtet über die Entdeckung einer EPA Studie von 1987, welche die Kontaminierung von Grund- und Trinkwasser durch Hydraulic “Fracking” Fracturing aus dem Jahr 1984 untersuchte und auch nachwies. Damals und heute, so Mitarbeiter der EPA, werden solche Untersuchungen aber massiv durch die Öl- und Gasindustrie be- und verhindert.

In their report, E.P.A. officials also wrote that Mr. Parsons’ case was highlighted as an “illustrative” example of the hazards created by this type of drilling, and that legal settlements and nondisclosure agreements prevented access to scientific documentation of other incidents.

Dan Derkics, a 17-year veteran of the environmental agency who oversaw research for the report, said that hundreds of other cases of drinking water contamination were found, many of which looked from preliminary investigations to have been caused by hydraulic fracturing like the one from West Virginia. But they were unable to learn more about them.

Die Wiederentdeckung zeigt ein Problem der zunehmenden Studienschwemme, die nun auch Deutschland erreicht. International existieren bereits viele Studien zum Fracking und zur unkonventionellen Gasförderung, die je nach Interessenslage und Auftraggeber die Gefährlichkeit oder die Ungefährlichkeit in einem bestimmten Kontext zeigen.

Eine weitere Studie der EPA zu den Auswirkungen von Hydraulic Fracturing von Coal Bed Methane (Kohleflözgas) aus dem Jahr 2004 sah angeblich keine Risiken, verlangte aber zumindest ein Verbot von Diesel als Zusatz. Zwar unterschrieb die Industrie ein entsprechendes Abkommen, aber setzte dann doch weiterhin Diesel ein. Diesel wurde auch in Deutschland von ExxonMobil bei der Bohrung Söhlingen Z15 als “Mittel zur Trägerschonung” eingesetzt.

Kurz nach Erscheinen der Studie informierte Weston Wilson, ein Mitarbeiter der EPA, wie die Studie zustande kam. Erkenntnisse über die Kontaminierung von Grund- und Trinkwasser wurden nicht berücksichtigt, weil betroffene Anwohner nicht nachweisen konnten, dass ihr Wasser vor den Bohrungen noch sauber war. Auf entsprechende eigene Untersuchungen verzichtete die EPA. Statt dessen wurde auf Informationen der Öl- und Gasindustrie zurückgegriffen. Im wissenschaftlichen Gremium, welches für die Peer-Prüfung zuständig war – also die wissenschaftliche Validierung der Angaben -, saßen dann vorwiegend Wissenschaftler, welche direkt oder indirekt von der Industrie bezahlt wurden.

Von 2011 bis 2014 läuft eine weitere Studie der EPA, welche sich mit dem vollständigen Lebenszyklus von Wasser beim Hydraulic Fracturing beschäftigen will. Wesentlich schneller soll eine von Präsident Obama eingesetze Arbeitsgruppe sein. Ihr Auftrag lautet, ein Handbuch mit guten Praktiken zu erstellen, die Fracking sicherer machen soll. Auch dieses Gremium ist vorwiegend mit Industrievertretern besetzt.

Die Industrie ist in den USA nicht nur maßgeblich an den staatlichen Studien beteiligt, sondern gibt auch eigene in Auftrag, die gerne unter dem Namen von Universitäten veröffentlicht werden. Ein Beispiel ist die erst kürzlich veröffentlichte Studie über die “Geopolitischen Vorzüge der unkonventionellen Gasförderung”.

Eine weitere Studie der Industrie beschäftigt sich mit den angeblich geschaffenen Arbeitsplätzen. 140.000 sollen es laut Industrie in Pennsylvania sein. Eine Gegenstudie zeigt, dass sich die Anzahl aber kaum verändert hat. Viele Arbeitsplätze, etwa bei den Bohrungen, werden durch vorhandene Kräfte aus anderen Staaten besetzt. Rechnet man potentielle Verluste in Branchen wie dem Tourismus hinzu – wer möchte schon in Gebieten mit Smog durch Fracking Urlaub machen – könnte die absolute Beschäftigung sogar sinken.

In Nordrhein-Westfalen gab Umweltminister Johannes Remmel heute bekannt, dass die Ausschreibung “politisch auf den Weg gebracht wurde”. Es beginnt erst jetzt der Prozess einer europaweiten Ausschreibung, wodurch mit einer Fortführung des Genehmigungsverfahrens nicht vor 2012 zu rechnen ist. Zu den Inhalten der Studie sagt Johannes Remmel:

“Es geht um eine Risikobewertung, wie sich eine Bohrung auf die unterschiedlichen Gesteinsschichten auswirkt. Die Risikostudie soll die Gesteinsformationen in Nordrhein-Westfalen einordnen und zudem die Grundwassersituation bewerten. Der zweite Teil soll die Frage beantworten, wenn es tatsächlich konkrete Bohrungen geben sollte, welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen und wie diese dann zu begleiten ist. Wenn der erste Teil vorliegt, werden wir in einem Zwischenresümee entscheiden, wie der zweite Teil des Gutachtens konkretisiert wird.”
Quelle:http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/nrw/1613303_Firmen_koennen_nicht_drauf_los_bohren.html

Der Konjunktiv dürfte in diesem Fall die Bürgerinitiativen ausnahmsweise erfreuen. Auch, dass nicht nur von Umweltverträglichkeitsprüfungen gesprochen wird, die üblicherweise durch die beantragenden Unternehmen beauftragt und bezahlt werden.

Umweltminister Norbert Röttgen hat ebenfalls eine eigene Studie angekündigt, von der bisher nur bekannt ist, das sie “umfangreich” sein soll.

“Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) will Auswirkungen des umstrittenen Fracking-Verfahrens zur Erdgasförderung untersuchen lassen. Er werde eine «umfangreiche Studie» in Auftrag geben, um vor allem die Folgen für das Trinkwasser besser einschätzen zu können, sagte er den «Westfälischen Nachrichten». [...] „Wenn die nicht erfüllt sind, kann dieses Verfahren nicht eingesetzt werden“, stellt Röttgen die Hürden fürs Fracking auf.
http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/nrw/1597901_Roettgen_kuendigt_Studie_zu_Fracking_Risiken_an.html

Wenige Tage nach der Aussage des Umweltministers führte ExxonMobil ein Fracking in Sulingen (Niedersachsen) durch.

Ein Schwerpunkt der angekündigten Studie des Umweltministeriums soll die Auswirkungen von Hydraulic “Fracking” Fracturing auf das Trink- und Grundwasser sein. Die Entsorgungsproblematik der Frack- und Lagerstättenwasser, radioaktive Abfälle und Luft- und Lärmemissionen wurden bisher noch nicht erwähnt.

Das Bundesumweltamt schlägt dagegen in einer eigenen Stellungnahme unter dem Titel “Einschätzung der Schiefergasförderung in Deutschland” (PDF) vor, dass der gesamte Explorationsprozess – also auch Probebohrungen – gründlich untersucht werden sollte. Bis dahin seien obligatorische Umweltverträglichkeitsprüfungen das absolute Minimum. In ganz Deutschland. Nicht nur Nordrhein-Westfalen. Die Einschränkung der Stellungnahme auf Schiefergas scheint eher dem Bezug auf die Studie des Tyndall Centre zur unkonventionellen Gasförderung und der Studie der europäischen Umweltbehörde DG Environment zu den Risiken der Schiefergasförderung geschuldet zu sein, als einem bewussten Auslassen von Kohleflöz- und Tightgas.

Von Seite der gasfördernden Industrie in Deutschland bezahlt ExxonMobil momentan, mit immerhin einer Millionen Euro, einen “unabhängigen Expertenkreis” dafür, sich mit der “Sicherheit und Umweltverträglichkeit der Fracking-Technologie” zu beschäftigen.

Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum in Magdeburg, Vorsitzender des Expertenkreises von ExxonMobil, sagte dazu:

„Da wir früher gestartet sind als die Gutachter des Landes [NRW], bringen wir das Wissen über Fracking in der Region schneller voran. Das bedeutet also, die Gutachter müssen unsere Erkenntnisse berücksichtigen.“
Quelle: http://www.wirtschaft-aktuell.de/cms/archiv/2011/frackingstatus.html

Teile der Helmholtz Gesellschaft haben offenbar aber selber ein großes finanzielles Interesse am Ausbau der Schiefergasförderung. Brian Horsefield und Hans-Martin Schultz, vom Helmholtz Forschungszentrum in Potsdam, sind die Gründer des europäischen GASH Projektes, welches sich mit dem Aufbau der Schiefergasförderung in Europa beschäftigt. Sponsoren sind Statoil, ExxonMobil, Gas de France SUEZ, Wintershall, Vermillion, Marathon Oil, Total, Repsol, Schlumberger und Bayerngas.

Hans-Martin Schultz sagte schon 2008 in einem Interview:

“Wir erwarten Forschungsergebnisse zu grundlegenden Prozessen zur Shale Gas-Bildung. [...] Und natürlich hoffen wir, dass insbesondere das Helmholtz-Zentrum Potsdam sich als europäisches Zentrum zur Shale Gas-Forschung etabliert.”
http://www.g-o.de/dossier-detail-419-4.html

Mit einem Verbot der Schiefergasförderung in Frankreich, der Initiative führender EU-Politiker zu einer Verteuerung umweltschädlicher Energieträger und einem Bundes-Umweltminister, der keinen Bedarf für die unkonventionelle Gasförderung in Deutschland sieht, sind solche Träume natürlich nicht zu realisieren Das Land NRW stellte jedenfalls sehr schnell klar, dass sein eigenes Gutachten “unabhängig von äußeren Einflüssen” sein wird.

“Stephan Malessa, Pressereferent des Umweltressorts [NRW], erklärte dazu: „Unser Gutachten ist unabhängig von äußeren Einflüssen, also auch von Exxons Infodialog.“ Welche Ergebnisse das NRW-Gutachten und der Exxon-Expertenkreis bringen werden, ist noch offen.”
Quelle: http://www.wirtschaft-aktuell.de/cms/region/berlin_welt/frackingstatus.html

Jede Studie bringt neue Erkenntnisse. Wenn auch nicht immer in der Sache, so doch zumindest über die Einstellung des Auftraggebers. Offen bleibt erst einmal,  ob die wiederentdeckte Studie der EPA von 1987 jetzt dazu führt, dass die Unternehmen der Öl- und Gasindustrie ihre Behauptung, es gäbe keine wissenschaftlichen Erkenntnisse oder registrierten Vorkommnisse über die Kontaminierung von Grund- und Trinkwasser durch Hydraulic Fracturing, abändern. Mindestens ein Unternehmen hat vorsichtshalber die Einschränkung “… in Deutschland” gewählt.

 

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