Polen: Erster Widerstand nach Beginn der unkonventionellen Gasförderung

Lange schien es, als gäbe es in Polen keinen Widerstand gegen die unkonventionellen Gasförderung. Die Versprechen von günstigem Gas und der Unabhängigkeit von russischen Gaslieferungen schien im Verhältnis zu den möglichen Auswirkungen auf Mensch und Natur akzeptabel.

Doch inzwischen mehren sich die Zweifel und mit Beginn der Bohrungen kommt es auch zu den ersten Zwischenfällen. 

  • aktuelle Berichte über die Kosten und die tatsächlich förderbaren Mengen aus den USA zeigen, dass unkonventionelle Gasförderung nur bei steigenden Gaspreisen profitabel ist. Und in den aktuellen Preisen sind die Kosten der Entsorgung,  für Schadenersatz bei Schäden und Steuern oder Gebühren zum Ausbau der benötigten Infrastruktur – etwa Straßen und Pipelines – häufig nicht einmal enthalten.
  • um tatsächlich unabhängig von ausländischen Gaslieferungen zu werden, müssten in Polen tausende Bohrungen durchgeführt werden.
  • die Infrastruktur zum Transport des Gases, das über die Hälfte der Fläche von Polen verteilt ist, existiert nicht und müsste ebenfalls gebaut werden
  • selbst optimistische Schätzungen gehen davon aus, dass Polen nicht vor 2020 wirtschaftlich relevante Mengen an unkonventionellem Gas fördern könnte

Der französische Europaabgeordnete José Bové besuchte jetzt in Vorbereitung der polnischen Ratspräsidentschaft sowohl die betroffene Bevölkerung als auch den polnischen Premierminister Tusk. Begleitet wurde er vom polnischen Dokumentarfilmer Lech Kowalski.

In Grabowiec im südöstlichen Polen trafen sie den Landwirt Janusz. Chevron hatte wenige Hundert Meter von seinem Haus entfernt mit Bohrungen begonnen. Große LKWs – die das ganze Dorf zum Beben brachten – parkten direkt neben seinem Haus. Nach dem er Risse bemerkte, meldete er den Schaden bei einem Vertragsnehmer von Chevron. Dieser bestritt zwar jede Verantwortung, aber wollte ihm 1400 Euro Schadenersatz zahlen.

Der Bürgermeister der Gemeinde Grabowiec, Wieslaw Tryniecki, stellte fest, dass sein Brunnenwasser plötzlich „schwarz und fettig“ war. Die Landwirte im Dorf haben einen gemeinsamen Brief an Premierminister Tusk geschrieben und ihn aufgefordert, selber nach Grabowiec zu kommen und sich die Folgen anzusehen.

Überbracht wurde der Brief von José Bové. Er versprach dem Premier, ihn ab jetzt jeden Monat im Europaparlament zu fragen, ob er die Landwirte schon besucht hat.

Bisher wurden in Polen 90 Lizenzen, vorwiegend an amerikanische Konzerne, vergeben. Erst einige wenige Bohrungen wurden tatsächlich ausgeführt. Mit steigender Anzahl von Bohrungen, wird auch das Risiko für Unfälle und weitere Vorfälle wie in den USA steigen. Parallel dürfte auch der Widerstand in der Bevölkerung steigen.

Der Europaabgeordnete Reinhard Bütikofer sagte nach seinen Gesprächen mit dem Premierminister auf Twitter:

„In der Frage nach Schiefergas äußern sich Tusk und Pawlak differenzierter als ich es erwartet hatte. Mal sehen, wie die Praxis ist. #Polen

Für den 4. und 5. Juli 2011 haben Bürgerinitiativen aus ganz Europa vor dem europäischen Parlamenten Demonstrationen gegen unkonventiolle Gasförderung angekündigt. Grund dafür ist unter anderem die Ankündigung, unter der polnischen Ratspräsidentschaft die Förderung von unkonventionellem Gas zu einem zentralen europäischen Projekt zu machen.

Quelle:
fracastrophe.com – Poland wakes up

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