Prof. Axel Preuße, die Gasindustrie und zweifelhafte Argumente

Wie unabhängig ist ein Wissenschaftler, dessen früherer Arbeitgeber, die Ruhrkohle AG, 85 Quadratkilometer von Nordrhein-Westfalen für die unkonventionelle Gasförderung reserviert hat? Wie unabhängig ist er, wenn die Auftraggeber der Studie zur unkonventionellen Gasförderung, an der er seit 2007 arbeitet, Minegas GmbH und Mingas Power heißen, und zusammen 105 Quadratkilometer für Aufsuchungen bereits besitzen und weitere 177 Quadratkilomenter beantragt haben? Wie unabhängig ist ein Wissenschaftler, der bei einer Universität ausgebildet wurde, die seit Jahrzehnten von einem gasfördernden Konzern unterstützt wird und deren Absolventen anschließend in diesem Bereich beschäftigt werden? Wie unabhängig ist ein Wissenschaftler, dessen Frau Geschäftsführerin eines Unternehmens für Lagerstättenmanagement ist, welches seinen Umsatz vorwiegend mit Unternehmen aus dem Kohle- und Gasabbau machen dürfte?

Im Gespräch mit Christoph Klemp vom Medienhaus Lensing, bezeichnet sich Professsor Axel Preuße als Befürworter der Kohleflözgas-Förderung und ärgert sich über Wutbürger, die Projekte in diesem Bereich verhindern wollen. Doch viele seiner Argumente halten der näheren Betrachtung leider nicht stand.

„In den USA wird in der Regel wenige hundert Meter tief gebohrt und dort gefrackt. Da gibt es keine dicken, dichtenden Deckschichten wie etwa bei uns den Emschermergel zwischen Gas und Grundwasser.“

Das gleiche hört man vom Geologischen Dienst NRW. Doch die Behauptung wird auch durch Luft anhalten und Stampfen auf dem Boden nicht wahrer. Auch in den USA wird in großen Tiefen gebohrt. Und egal in welcher Tiefe. Die Rahmenprobleme, wie die Entsorgung des giftigen Frackwassers, der radioaktiven Bohrschlämme, die Beschädigung von Deckgebirgen und der Austritt von Methan sowie undichte oberirdische Ventile und Leitungen, die zu besorgniserregenden Schadstoff-Konzentrationen in der Atemluft führen, tauchen unabhängig von der Tiefe auf.

„Klar sind kleine Beben durch „Fracking“ möglich. Ob man die auch spürt – ich wage das zu bezweifeln.“

Auch in Arkansas wurde Anfangs so argumentiert. Nach einem besonders schweren Erdbeben, wurde die „Entsorgung“ der Abwässer in sogenannten Disposalbohrungen verboten. Die Erdbeben ließen nach. Wer hier nicht von einem direkten Zusammenhang sprechen möchte, sollte zumindest erklären können, wie Fracking ohne Entsorgung funktionieren soll.

„Damals konnte man nur vertikal bohren. Heute sind die Techniken viel weiter, vor allem die horizontalen Bohrungen ermöglichen es, gezielt in den Kohleflözen entlang zu bohren und dort gegebenenfalls mittels „Fracking“ die Fließwege zu verbessern. Technisch war es auch damals schon möglich, das Gas zu fördern. Aber nicht wirtschaftlich. […]
ExxonMobil macht das in Niedersachsen seit Jahrzehnten. Die Technik hat sich nur in den letzten 20 Jahren rasant weiterentwickelt. „

Hier wiederlegt Prof. Preuße eines der liebsten Argumente von ExxonMobil. Nämlich das Fracking schon seit Jahrzehnten in Niedersachsen betrieben wird. Das heutige Frackingverfahren mit Horizontalbohrungen, einem Wasserdruck von über 1000 bar und neuen Chemikalien ist mit den früherem Verfahren nur noch in den Grundzügen vergleichbar.

„Sie müssen wissen, dass es in Australien seit ein paar Jahren einen regelrechten CBM-Boom gibt. Die derzeitige Diskussion bei uns können die australischen Kollegen gar nicht nachvollziehen.“

Würde ein australischer Journalist den Kollegen von Prof. Preuße angesichts der Proteste, Moratoriumsforderung und Verbote von BTEX Chemikalien beim Fracking befragen, würde dieser wahrscheinlich auch sagen, dass seine deutschen Kollegen die Diskussion gar nicht nachvollziehen können.

„Wes Geld ich nehm, des Lied ich sing.“ Wie üblich hilft es nur, sich selber seine Meinung zu bilden und über die Mittel der Demokratie seine Meinung kund zu tun. Mit „Wutbürger“ hat das wenig zu tun.

Quelle:
http://www.ruhrnachrichten.de/nachrichten/region/hierundheute/art1544,1228873

2 Kommentare.

  1. Jürgen Blümer

    Offener Brief an Professor Preuß:
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    Sehr geehrter Professor Preuße,

    mit Interesse habe ich Ihr Interview in unserer Lokalzeitung zum Thema ‚Fracking‘ gelesen. Besonders Ihre Einlassungen zum Thema ‚Wutbürger‘ haben mich motiviert, Ihnen in diesem offenen Brief zu antworten.

    Ich selber habe in den letzten Monaten eine Vielzahl von Veranstaltungen verfolgt, die mit dem Thema ‚Fracking‘ zu tun hatten. Ich habe dort verschiedene Menschen kennengelernt, die sich mit der Technologie auseinandergesetzt hatten, Abhandlungen und Artikel dazu veröffentlicht hatten oder diese Technik auch praktizieren. Immer wieder ist mir das Leuchten in den Augen dieser Männer aufgefallen, wenn sie von ‚Bohrtiefen‘, ‚Druckerhöhung‘, ‚Vertikalbohrung‘ und ‚Gesteinssprengung‘ berichteten. Dann war die Technikbegeisterung mit Händen greifbar.

    Nur – bei der aktuellen Gas-Diskussion geht es nicht um die Märklin-Eisenbahn, die diese Männer einst als Kinder um den elterlichen Weihnachtsbaum herum gebaut haben. Ich selber – als Physiker – kann diese Begeisterung für die eigenen Machbarkeitsphantasien durchaus nachvollziehen. Doch irgendwann sollte bei jedem Mann die Adoleszenz einsetzen und die Fähigkeit erwachsen, über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken sowie eigenes Denken und Handeln einer kritischen Betrachtung zu unterziehen.

    In diesem Zusammenhang bin ich immer wieder äußerst verwundert darüber, wie in der Diskussion um Erdgas und deren zukünftige Nutzung die ingenieurtechnische Herausforderung lediglich darauf hin reduziert wird, tiefere Löcher zu bohren, höhere Drücke zu erzeugen und riskantere Methoden zum Einsatz zu bringen. Wer mit seinem gesunden Menschenverstand an die Sache herangeht muss feststellen, dass hier weder nachhaltig noch risikobewusst agiert bzw. argumentiert wird. Vielmehr berauscht sich eine eingeschworene Technikelite an den eigenen Möglichkeiten, Grenzen immer weiter hinauszuschieben. Die ZEIT hat kürzlich von einem großen Pokerspiel gesprochen, auf dass sich – insbesondere Wissenschaftler, Forscher, Manager und Politiker – einlassen, wenn es um den Einsatz von Risikotechnologien geht. Ich kann mich aufgrund des Interviews, dass mir vorliegt, des Eindrucks nicht erwehren, dass auch Sie zu dieser illusteren Zockerrunde gehören.

    Sehr geehrter Herr Professor Preuße, ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Ihnen der oben angedeutete Umdenkungsprozess keineswegs leicht von der Hand geht, ist er doch mit einem signifikanten Perspektivenwechsel verknüpft. Aus einer gewachsenen und eingespielten Rolle heraus zu treten fällt schwer, kann dies doch große Teile einer Biografie in Frage stellen. Wer so viel Zeit seines Berufsleben in eine bestimmte Technologie hinein investiert hat wie Sie, kann nicht von heute auf morgen – wie die Bundesregierung in der Atomenergie – das Ruder um 180 Grad herum reißen. Ich denke, dass auch Sie hier erst noch am Anfang eines langwierigen Entwicklungsprozesses stehen.

    Ich kann mir auch durchaus vorstellen, dass es Ihnen nicht leicht fällt einzusehen, dass das eigenen Forschungsgebiete immer stärker hinterfragt und kritisiert wird. Hinzu kommt, dass auch immer mehr Laien auf Antworten drängen, die ein ‚Blick über den Tellerrand‘ erzwingen. Daher ist für mich auch nachvollziehbar, dass Sie hier von ‚Wutbürgern‘ sprechen. Doch bin ich mir sicher, dass auch Ihnen klar ist, dass das Leben weder in einem Labor noch in einem Elfenbeinturm stattfindet. Und letztendlich dient ja gerade Ihre Forschung nicht nur dem akademischen Selbstzweck, sondern schreibt sich ja ausdrücklich die sichere und billige Versorgung der Gesellschaft mit Energie auf die Fahnen.

    Aus meiner Sicht sind die Fragen, die aktuell von vielen Menschen gestellt werden, durchaus berechtigt, drehen sie sich doch um drei Kernanliegen:
    – Wie genau funktioniert die Technologie?
    – Was sind die maximalen Risiken dieser Technologie?
    – Ist diese Technologie wirklich erforderlich?

    Nutzen Sie also die Chance, die Ihnen die Bürgerinitiativen mit ihrem Engagement eröffnen und stellen Sie neue Fragen, Fragen, auf die Sie ohne den Anstoß von außen vermutlich gar nicht selber gekommen wären. Hier eine kleine Auswahl, mit der Sie schon einmal beginnen können:

    – In welchem Umfang wird Gas in Deutschland in den nächsten Jahren noch benötigt angesichts der Herausforderungen von Energiesicherheit und Klimawandel?

    – Wie schnell lässt sich Erdgas durch regenerative Energien ersetzen?

    – Welche Risiken darf man einer Bevölkerung zumuten für eine Energie, die ausdrücklich als ‚Brückentechnologie‘ deklariert ist?

    – In wie weit ist es verantwortbar, einen Genehmigungsprozess durchzuführen, wenn mit Forschungsergebnissen erst in drei bis vier Jahren zu rechnen ist?

    – Welches Vertrauen soll eine Bevölkerung in eine Wissenschaft und Politik haben, die vor einem Energieunternehmen wie Exxon informationstechnisch ‚in die Knie geht‘, da nicht genügend Ressourcen für Forschung vorhanden sind?

    Ich hoffe, sie begreifen diese Kritikpunkte als Anregungen für eine neue Sichtweise auf das Themengebiet ‚unkonventionelle Gasförderung‘.

    Ich wünsche Ihnen einer erfolgreichen Arbeitstag und verbleibe

    mit freundlichen Grüßen

    Dipl.-Phys. Jürgen Blümer
    Drensteinfurt

  2. Die Bergbau-Lobby erfasst die Bereich der Politik, Kommunen, Verbände, Wisschenschaft, Lehre und wahrscheinlich auch der Gerichte. Es ist ein großes Verdienst der Initiative dieses Tabu-Thema anzusprechen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dipl.-Ing. Peter Immekus
    (Markscheider)