„Wir hätten auch die Westfalenhalle voll bekommen“ – Zum Status des Fracking in NRW

Elf Unternehmen haben für zwanzig „Claims“ in Nordrhein-Westfalen bereits eine Aufsuchungsgenehmigung. Um neun weitere „Claims“ streiten sich im Moment noch fünf Unternehmen.

Nur in Nordwalde hat bis jetzt der Konzern ExxonMobil einen Antrag auf Probebohrung gestellt. Durch die öffentliche Aufmerksamkeit und den damit verbundenen Druck, wurde das Genehmigungsverfahren Anfang des Jahres um eine wasserrechtliche Prüfung erweitert. In den USA, Kanada, Südafrika und Australien kommt es in Zusammenhang mit der unkonventionellen Gasförderung zu teils erheblichen Belastungen des Trinkwassers und der Luft.

Der für die wasserrechtliche Erlaubnis erforderliche Antrag wird voraussichtlich in der nächsten Woche von ExxonMobil bei der Bezirksregierung in Arnsberg eingereicht werden. Verantwortlich für die Prüfung ist die untere Wasserbehörde im Kreis Steinfurt. Dort hat man sich mit dem Diplom Geologen Hilger Schmedding von der Wessling Group, einem Prüfinstitut aus Altenberge, bereits externen Sachverstand angemietet.

Ein erstes Ergebnis ist eine Informationsseite zur unkonventionellen Gasförderung des Kreises, auf dem alle Beschlüsse und Vorlagen des Kreises veröffentlicht werden. Hier sind auch die „Wasserwirtschaftlichen Anforderung zur Erdgaserkundungsbohrung“ (PDF) aus Sicht des Umweltamtes zu finden.

Fragen aus dem Katalog sind:

  • Welche Chemikalien werden bei der Probebohrung eingesetzt?
  • Wie viel Wasser wird verwendet und wie wird dieses Wasser beschafft?
  • Welche Mengen an Bohrflüssigkeit werden eingesetzt und wie werden sie entsorgt?
  • Wie hoch ist der Anteil der Bohrflüssigkeiten, der im Untergrund verbleibt?
  • Werden bei der Erkundungsbohrung Lagerstättenwasser freigesetzt, die radioaktiv oder mit Schwermetallen belastet sein können?
  • Wie hoch ist die Absicherung bei Unfällen oder Umweltschäden? Wie sollen eventuelle Ewigkeitsschäden berücksichtigt werden?

Außerdem werden auch mehrere Forderungen gestellt:

  • Durch ein geologisches Gutachten ist nachzuweisen, dass das Deckgebirge über der beantragten Bohrung so dicht ist, dass Lagerstättenwasser und freigesetztes Methangas dauerhaft nicht in das Grundwasser gelangt.
  • Durch externe Prüfer ist nachzuweisen, dass bei einer möglichen fehlerhaften Verrohrung des Bohrkanals oder der Ringraumabdichtungen das Grundwasser nicht gefährdet wird.
  • Dichtigkeit und Druckbeständigkeit der Verrohrung müssen dem Druck bei einem eventuellen Fracking standhalten können. Die Vorgehensweise für die Beweisführung sind mit dem Kreis abzustimmen.
  • Sämtliche Trinkwasserstellen, Hausbrunnen und Oberflächengewässer müssen vor und nach den Bohrungen kontrolliert werden. Die Ausdehnung des Untersuchungsraumes ist dabei abhängig vom geologischen Gutachten.
  • Die Entsorgung der bei der Bohrung anfallenden Reststoffe muss im Vorfeld geplant und dokumentiert werden. Der Kreis schließt schon jetzt Disposalbohrungen, also das Verklappen von Bohrspülungen, Lagerstättenwasser und Frackflüssigkeit in nicht mehr benötigten Bohrlöchern, im Kreis Steinfurt aus.
  • Im Genehmigungsverfahren sind auch die Folgen von Unfällen auf der Baustelle oder beim An- und Abtransport, außergewöhnlicher Naturereignisse oder fehlerhafte Bedienung der Anlage inklusive Notfallplänen zu berücksichtigen.

Der Kreis will ein umfangreiches Monitoring, noch bevor die erste Probebohrung stattgefunden hat. So ist alleine der Nachweis der Dichtigkeit des Deckgebirges keine leichte Herausforderung. Denn Klüfte und Wegsamkeiten, durch die Methan, aber auch Wasser, aufsteigen kann haben sich im Laufe von Millionen Jahren gebildet und sind bisher nirgendwo vollständig dokumentiert.

Zusätzlich müssen noch Lage, Tiefe und Nutzung aller Hausbrunnen im eventuell betroffenen Gebiet bestimmt werden. Hydrochemische Untersuchungen sollen den Zustand vor und nach den Bohrungen zeigen. Die Lage und Fließrichtung aller Oberflächengewässer muss festgestellt werden. Auch hier sind hydrochemische Untersuchungen vorher und hinterher Pflicht.

Der Antrag auf Probebohrung durch ExxonMobil umfasst bisher nur eine vertikale Bohrung zur Entnahme von Bohrkernen. Sollten dem Fracking vorgeschaltete Horizontalbohrungen oder Sprengungen erforderlich werden oder sogar ein Probefrack, müssen erneut Anträge bei der Bezirksregierung und der unteren Wasserbehörde gestellt werden.

Trotz der recht hohen Anforderungen geht Volker Milk von der Bezirksregierung in Arnsberg davon aus, dass die Probebohrung genehmigt wird. Für zu groß hält er die Ähnlichkeit zu über 1000 Tiefenbohrungen und bis zu 15.000 Geothermiebohrungen, die alleine im letzten Jahr in NRW stattgefunden haben. Sollte die wasserrechtliche Genehmigung für die Probebohrung nicht erfolgen, würde das im Umkehrschluss auch alle anderen Bohrungen in Frage stellen.

Ganz anders wäre die Lage, wenn ein Fracking oder Probefracking beantragt würde. Hier gibt es in NRW noch keine Erfahrungen zu den Auswirkungen und Risiken des weltweit umstrittenen, teils verbotenen Verfahrens. Aufschluss darüber geben soll eine Studie, die basierend auf eigenen Untersuchungen, aber auch internationalen Erfahrungen, die Risiken und möglichen Folgen untersucht. Auftraggeber werden dass Umwelt- und Wirtschaftsministerium von NRW sein. Eine Ausschreibung soll in nächster Zeit erfolgen. Über Dauer und Liefertermin der Studie ist noch nichts bekannt.

Ohne die Ergebnisse der Studie sollte ExxonMobil auch nicht mit einer Genehmigung des Fracking-Verfahrens in NRW rechnen.

In Niedersachsen lief der gleiche Genehmigungsprozess nach dem Bundesbergrecht deutlich einfacher ab. Zwischen einer Probebohrung und einem Probefrack lagen teilweise nur wenige Tage. Doch für eine erst kürzlich begonnene Probebohrung in Lünne steht der angekündigte Probefrack bisher aus. ExxonMobil äußert sich zu den Gründen nicht.

Auch in den anderen Bundesländern, in denen unkonventionell Gas gefördert werden soll, sind solche Hürden nicht selbstverständlich. Dort gibt es bisher nur Aufsuchungsgenehmigungen, aber keine Anträge auf Probebohrungen, die eine solche Prüfung erforderlich machen würden.

Es scheint, als ob die ganze Branche auf das kleine Nordwalde sieht. Würde hier bereits im Vorfeld dem umstrittenen Fracking-Verfahren Einhalt geboten, müsste die Branche sich doch noch mit alternativen Fördermethoden auseinander setzen. Im niedersächsischen Damme wurden noch giftige Stoffe eingesetzt, für die es in der Branche schon lange weniger gefährlichen Ersatz gab. Wahrscheinlich aus Kostengründen wurde dieser Weg nicht beschritten.

Die Interessengemeinschaften gegen unkonventionelle Gasförderung haben für den 7. April 2011 einen gemeinsamen Aktionstag angekündigt. Dann soll an allen potentiellen Förderstellen demonstriert werden, dass Fracking nicht erwünscht ist.

Volker Milk, von der Bezirksregierung in Arnsberg teilte bei der Sitzung des Umweltausschusses in Steinfurt mit, dass die Behörde sich personell nicht in der Lage sieht, allen Anfragen nach Informationsveranstaltungen gerecht zu werden. So könnte auch die geplante Expertenrunde am 23. März 2011 in Dortmund nur mit einem begrenzten Teilnehmerkreis aus den konkret betroffenen Gemeinden in Drensteinfurt, Borkenwirthe und Nordwalde besetzt werden.

Der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland) fragte bereits, ob er als Träger öffentlicher Belange und bei der Gefährdung von Oberflächenwassern bei der Einladung vergessen wurde. Auch viele andere Städte und Gemeinden aus NRW, sowie die dort bereits gebildeten Interessengemeinschaften, fühlen sich ausgeschlossen.

Volker Milk sagte dazu:

„Wir hätten auch die Westfalenhalle voll bekommen.“

Jetzt sind nur Plätze für rund 80 persönlich geladene Gäste reserviert. 20 davon für die Presse. Wenn der Informationsbedarf im Land wirklich so hoch ist, sollte die Bezirksregierung vielleicht wirklich die Westfalen-Halle in Dortmund mieten.

3 Kommentare.

  1. Wo kann ich eine meinen Protest durch eine unterschrift bezeugen?
    LG
    RRM

    • Die Interessengemeinschaften „Gegen Gasbohren“ gibt es schon an vielen Orten in Deutschland. Unter gegen-gasbohren.de gibt es die Unterschriftenlisten. Für den 7. April 2011 sind Proteste angekündigt.

  2. Hallo Jörn Krüger,

    ich stimme mit Ihnen überein, dass die Bezirksregierung sichtlich vorsichtiger geworden ist, was die Erteilung von Genehmigungen angeht.
    Gerade deswegen bin ich sehr skeptisch, bezüglich der Änderungsvorschläge zum Bergrecht der Bezirksregierung.
    Mit ein wenig bösem Willen kann man der Bezirksregierung unterstellen sich mit der Vergabe der Rechte auf die Bestimmung zu den Quarz- bzw. Quarzitabbau an die Kreise und kreisfreien Städte deren Verbindlichkeit zu sichern, um dann mit dem nächsten Änderungsvorschlag deren Zustimmungswilligkeit zur unkonventionellen Gasförderung zu erschwindeln.
    So heißt es in dem Schreiben der BR:
    „Nach §11 Nr.10 BBergG ist die Aufsuchung u.a. dann zu versagen, wenn überwiegende öffentliche Interessen die Aufsuchung im gesamten zuzuteilenden Feld ausschließen.“ Damit ist doch schon alles gesagt. Da bei den derzeitigen Bohrmethoden bzw. -techniken eine Gefährdung der Gesundheit weder mittelbar noch unmittelbar ausgeschlossen werden kann, weder im gesamten Feld noch in einzelnen Teilen, ist die Aufsuchung zu versagen. Hier will die BR Arnsberg die Definition „im gesamten Feld“ ausklammern. Wieso das?????
    Weiter heißt es zur Erklärung:
    „Sollten überwiegende öffentliche Interessen nur an einzelnen Stellen des Feldes entgegenstehen, würde nach geltender Rechtslage gleichwohl eine Aufsuchungserlaubnis für die gesamte Fläche zu erteilen sein, obwohl an manchen Stellen ein offensichtlicher Nutzungskonflikt besteht.“ Auch dieser Teil kann im Umkehrschluss so ausgelegt werden, dass zunächst kleine Enklaven geschaffen werden sollen, in denen gebohrt wird und wenn der Boden erst einmal genügend versaut ist und die Bevölkerung erst einmal vergiftet ist, besteht auch kein überwiegendes öffentliches Interesse mehr, oder?
    Mit dem Verweis auf §16 Absatz 2 des BBergG will die Bezirksregierung dann endgültig den Sack zu machen und sich die Möglichkeiten schaffen ganz flexibel irgendwelche Aufsuchungsgebiete nach Gutdünken festzulegen, die dann irgendwann den örtlichen Behörden so ganz nebenbei mitgeteilt werden sollen.