Diskussion mit Bürgern und Experten im Landtag NRW zur unkonventionellen Gasförderung

Wibke Brems von den Grünen in NRW lud gestern zu einem öffentliches Fachgespräch zur unkonventionellen Gasförderung in den Düsseldorfer Landtag ein.

Zu den Vortragenden gehörten der Direktor des Geologischen Dienstes NRW Prof. Klostermann, der Leiter der ExxonMobil Unternehmenskommunikation Norbert Stahlhut, Dr. Werner Zittel von der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH, der Vorstandsvorsitzender der Gelsenwasser AG Dr. Manfred Scholle und Klaus-Willy Schumacher vom Ministerium für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen.

Unter den knapp 100 Gästen waren unter anderem Vertreter der Interessengemeinschaften „Gegen Gasbohren“ aus Nordwalde und Drensteinfurt, verschiedene Umweltschutz- und Verbraucherschutzverbände, Verantwortliche der beteiligten Behörden und Politiker der direkt oder indirekt betroffenen Gemeinden, Kreise und Städte.

Jeder Redner erhielt 20 Minuten Zeit für eine Präsentation. Danach konnten von den Gästen Fragen gestellt und Anmerkungen gegeben werden.

Zuerst sprach Prof. Klostermann vom Geologischen Dienst NRW. Er stellte kurz die Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Formen der konventionellen und unkonventionellen Gasförderung dar, um dann direkt die Unbedenklichkeit des Verfahrens in den Vordergrund zu stellen. Die Förderung in Deutschland sei nicht mit der Förderung in den USA zu vergleichen. In den USA würde in wenigen hundert Metern unter der Oberfläche gebohrt, in Deutschland dagegen in mehreren tausend Metern Tiefe. Deshalb würden im Vergleich zu den USA auch weniger Bohrplätze eingerichtet werden, weil die Bohrung in große Tiefen deutlich aufwendiger sei.

Fracking Bohrungen beschrieb er als unbedenkliches Verfahren, das bereits seit den 90er Jahren in Deutschland angewendet wird. Kurz ging er auch auf den Bericht über Methanaustritte im münsterländischen Kiessandzug ein. Hier sei inzwischen durch eine Studie belegt, das das Methan durch Bakterien im Deckgebirge entsteht und keinesfalls aus den Flözschichten darunter stammen könnte.

Die Ausführungen von Prof. Klostermann waren so deckungsgleich mit den Aussagen von ExxonMobil, das an ihn in der anschließenden Diskussion keine weiteren Fragen mehr gingen. Zum Vergleich mit den USA ist noch zu ergänzen, das im Marcellus Shale auch in Tiefen zwischen 1000 und 3000 Metern gefrackt wird. Dort gibt es bereits so viele belegte Fälle von Trinkwasserkontaminierungen, das die anliegenden Städte inzwischen Moratorien für neue Bohrungen und vollständige Bohrverbote aussprechen. Auf die sonstigen Nebenwirkungen durch den enormen Wasserverbrauch, die ungeklärte Entsorgungsfrage der kontaminierten Bohrschlämme und die Versiegelung der Landschaft ging Prof. Klostermann gar nicht erst ein.

Direkt im Anschluss sprach Norbert Stahlhut von ExxonMobil. Zuerst sprach er über die Bedeutung von Gas als Brückentechnologie und die Möglichkeiten zur CO/2 Reduzierung. Sein Schwerpunkt lag dann auf den großen Anstrengungen von ExxonMobil in Bezug auf Umweltschutz, Sicherheit und der frühzeitigen Information aller Betroffenen. Abgesehen davon, das in Niedersachsen Fracking seit Jahrzehnten ohne einen einzigen bekannten Unfall durchgeführt wurde, würde Exxon alle Infrastrukturkosten für den Aufbau einer Bohrplattform (z.B. Strassen bauen), aber auch deren Rückbau bezahlen. Dafür würden bereits jetzt Rückstellungen gebildet. Beim Fracking würden neben Wasser und Sand nur 0,2% „Additive“ verwendet, die zwar geringfügig wassergefährdend seien aber alle keiner gesetzlichen Kennzeichnungspflicht unterliegen. ExxonMobil würde außerdem sehr verantwortlich mit kontaminierten Flächen umgehen und diese auch noch nach Jahrzehnten reinigen.

Bei der späteren Diskussion gingen dann auch die meisten Fragen an Norbert Stahlhut. Kritisiert wurden die vielen Konjuktive in der Präsentation, die den Eindruck von Hintertürchen erweckten. Die Aussagen zum Wasserschutz, knapp 4 Wochen nach einem größeren Unfall der ExxonMobil Tochter XTO, ließen Ungutes über weitere weggelassene Informationen erahnen. Helmut Fehr von den Grünen in Steinfurt stellte fest, das „geringfügig wassergefährdend“ und „wassergefährdend“ auf das gleiche hinauslaufe. Norbert Stahlhut verwendete trotzdem weiterhin die verharmlosende Darstellung. Zum Umgang von ExxonMobil mit Altlasten und kontaminierten Flächen ohne vorhergehende Klagen und Gerichtsurteile konnten leider aus Zeitmangel keine Fragen mehr gestellt werden.

Ebenfalls anwesend war Jürgen Döschner, Journalist beim WDR, der gezielt Fragen nach dem Umgang mit radioaktiven Stoffen bei der Förderung stellte. In Deutschland besteht eine Meldepflicht erst ab 2000 Tonnen pro Jahr. Norbert Stahlhut versicherte, das Exxon sich hier an alle Gesetze und Vorgaben halten würde.

Sehr interessant war dann noch die Anmerkung zur Verteilung der Gewerbesteuer von ExxonMobil an die Gemeinden, in denen gebohrt wird. Gewerbesteuer wird üblicherweise am Ort des Unternehmenssitzes entrichtet. ExxonMobil hat eine Absprache mit den Gemeinden und den zuständigen Finanzämtern getroffen, nach der die Gewerbesteuer anteilig verteilt werden kann. So erklärt sich auch, warum eine Gemeinde den Bohrungen überhaupt zustimmen sollte.

Als nächstes kam Dr. Werner Zittel von der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH zu Wort. Herr Zittel ist bekannt für eine kritische Kurzstudie zur unkonventionellen Gasförderung. So ging er auch direkt auf die momentanen Unzulänglichkeiten des Verfahrens in Deutschland ein. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung findet nicht statt. Es gibt keine festen Regeln über Art und Umfang eines Monitoring im Bereich einer Bohrung. Lebenszyklusanalysen liegen ebenfalls noch nicht vor.

Die Wirtschaftlichkeit des Verfahrens und die Bedeutung für den Standort Deutschland bezweifelt er ebenfalls. So müssten, um auch nur 1% des deutschen Erdgasbedarfs zu decken, mehrere Hundert Bohrungen durchgeführt werden. Für ihn ist das momentane Rennen auf unkonventionelles Erdgas „die Einleitung des Endspiels des Gaszeitalters“. In den USA wären die Folgen lange Zeit nicht bemerkt worden, weil zu Anfang in menschenverlassenen Gegenden gebohrt wurde. In Deutschland gäbe es solche Gegenden nicht.

Dazu zeigte er Bilder von Bohrplattformen in den USA, bei denen der An- und Abtransport von Wasser, Sand und Chemikalien mit mehreren hundert LKW erfolgt. Die Förderung ist darüber hinaus nur wenige Jahre, teilweise Monate möglich weil die Resourcen sehr schnell erschöpft seien und nur zu Anfang überhaupt größere Mengen gefördert werden können. Nach der deutlichen Zunahme von Beschwerden über verunreinigtes Trinkwasser, seien bei einer Stichprobe von 39 Bohrungen in den USA, bei 11 Kontaminationen festgestellt worden.

Der Vortrag von Werner Zittel schreckte die Zuhörenden nach den vorherigen, rein positiven, Berichten spürbar auf. Trotzdem hielten sich die anschließenden Fragen in Grenzen. Ein Fragesteller zweifelte die Vergleichbarkeit der USA mit der Situation in Deutschland an und gab die viel größere Bohrtiefe als Grund an. Herr Zittel sagte dazu, das in den USA nur Anfangs in geringen Tiefen gebohrt wurde. Inzwischen wäre man auch dort deutlich tiefer.

Dr. Manfred Scholle, Vorstandsvorsitzendem der gelsenwasser AG merkte man seine Empörung deutlich an. Direkt zu Anfang stellte er klar, das er Gas für einen wichtigen Bestandteil der Energiemixes halte und begeistert wäre, wenn man dieses weiterhin in Deutschland fördern könnte. Er würde dafür aber unter keinen Umständen die Gefährdung des Trinkwassers in Kauf nehmen. Experten in seinem Hause hätten bereits die Liste der in Damme eingesetzten Chemikalien analysiert und mehrere wassergefährdende Stoffe ausgemacht, die auf keinen Fall auch nur in der Nähe von Trinkwasserschutzzonen der Stufe 1 bis 3 eingesetzt werden dürften.

Wann immer er in den letzten Jahren von unkonventioneller Gasförderung gehört hatte, ging er davon aus, das diese auf Grund der eingesetzten Verfahren nur in wenig besiedelten Gebieten eingesetzt werden könnte. Das jetzt in Deutschland, konkret in NRW, gefrackt werden soll, erfuhr er erst aus der Presse. Weder ExxonMobil noch das zuständige Bergamt hätten im Vorfeld die Wasserversorger informiert. Hier sieht er deutlichen Änderungsbedarf im Bergrecht.

Zum Verfahren merkte er noch an, daß durch die Bohrungen, Mikroerdbeben und künstliche Rissbildungen das Deckgebirge beschädigt werden kann, welches momentan noch die gasführenden Schichten von den Trinkwasserschichten trennt. Dadurch kann es sehr wohl zur Verunreinigung des Trinkwassers mit Methan kommen. Die Darstellungen von Werner Zittel stützte er mit Darstellungen aus Australien. Auch dort wurden bereits Verunreinigungen im Trinkwasser festgestellt.

Zum Abschluss sprach Klaus-Willy Schumacher vom Ministerium für Wirtschaft. Auch er stellte klar, das das Ministerium Gas für eine wichtige Brückentechnologie hält. Die Förderung darf aber nicht auf Kosten der Umwelt gehen. Sein Vortrag konzentrierte sich auf die rechtlichen Rahmenbedingungen. Generell fällt Erdgas unter bergfreie Bodenschätze, die dem Staat gehören. Der Staat vergibt Genehmigungen für Aufsuchungsgebiete, in denen Unternehmen Bohrungen durchführen dürfen.

Halb NRW ist so inzwischen aufgeteilt. Zur Zeit werden nur Probebohrungen durchgeführt, für die das Bergamt als zuständige Behörde die Genehmigung erteilt. Alle anderen Parteien, Anwohner, Gemeinden, Kreise, usw. werden gehört aber haben keinerlei Einfluss auf das Verfahren. Soll später tatsächlich gebohrt werden, muss eine Umweltverträglichkeitsprüfung nur durchgeführt werden, falls mehr als 500.000 Kubikmeter Gas pro Jahr gefördert werden. Keine Fracking Bohrung würde diesen Wert erreichen. So könnten ausschließlich über Bebauungspläne Einschränkungen stattfinden. Herr Schumacher verwies darauf, dass das Bergrecht Bundesrecht ist. Jeder Änderung müßte daher über den Bund erfolgen.

Unter den Gästen war auch Christa Stiller-Ludwig von der Wasserbehörde Hagen in NRW. Sie beklagte sich, dass sie im Monitor Bericht förmlich als „Expertin“ vor die Kamera gezerrt wurde, weil durch die Auflösung der früher zuständigen Behörden, inzwischen so gut wie keine Fachleute mehr verfügbar wären. Ältere Fachleute wären vielfach pensioniert worden. Jetzt müssten sich Mitarbeitende mit den Risiken beim Fracking auseinandersetzten, die vorher für den Dachablauf bei Regen zuständig waren. Der ebenfalls anwesende Baudezernent des Kreises Steinfurt hatte dazu schon vor zwei Wochen gesagt: “Als Kreisverwaltung sind wir hier hoffnungslos überfordert.”

Bei der Veranstaltung blieben viele Fragen offen. Frau Wibke Brems kündigte bereits jetzt Folgetermine an.

1 Kommentare.

  1. Herzlichen Dank für diese sehr sachbezogene Darstellung. Gerade dadurch wird deutlich, wie versucht wird, die Problematik zu verharmlosen.
    Helmut Fehr